Tagebuch-2026

... und das Jahr 2026 beginnt

Malerei - Januar

Einladung

Gedanken zum "Neuen Jahr"

(Gleichzeitig auch mein Vor- oder Nachwort zur Lesung am 13.1.26)

 

„Wie alles begann“ …

 

Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen,

ob ich ohne die Ausrufung dieses „geistigen Notstands“ in den Jahren 2020 – 2023 jemals den Mut zum Schreiben aufgebracht hätte.

 

 

Vor etwas mehr als fünf Jahren wanderte ich am 5.11.2020 tagsüber um den Kulkwitzer See und atmete tief durch.

Links der Wald, dazwischen Wiesen und Wege, und auf der rechten Seite unser See.

Wie so oft begegnete ich bisher nur zwei Personen mit Hund, einem Jogger, und sah einen kälteresistenten Angler, der sein Glück versuchte oder ganz einfach die Einsamkeit suchte.

 

Auf der Markranstädter Seite wurde in den Zweitausendzehnerjahren der ehemals sehr urwüchsige Weg um den See modern, ja fast rollstuhlfahrergerecht, ausgebaut und kultiviert. Das ist zwar nicht schlecht, hat aber die Natürlichkeit der Umgebung, den ehemals wildwüchsigen Charakter dieser Naturidylle, stark eingeschränkt.

 

Ich gehe also fast als einziger Mensch spazieren und denke mir:

Ja, so muss es sich anfühlen, wenn plötzlich von heute auf morgen die Menschheit verschwindet.

Der 5. November 2020 fühlte sich für mich so an.

Ich war allein.

 

Eine solche Situation ist für mich nicht schlimm. Ich brauche beim Wandern keine Konversation, keinen Umgebungsrummel, und auch das Wetter und die Temperatur waren gut zu ertragen.

Ich träumte also, ging „vor mich hin, um nichts zu suchen, das war mein Sinn“ …

da kippte meine Laune, meine Stimmung, kurzzeitig um.

 

Ich entwickelte ein Gefühl, das nur mit den Worten „Entsetzen“ und „Ratlosigkeit“ zu benennen ist.

An allen Straßenlampen sah ich Schilder, auf denen geschrieben stand: „Stay at home“.

Hinzu kam ein Piktogramm mit einem durch eine Maske verhüllten Gesicht und dem Hinweis auf Abstand.

Ich drehte mich mehrfach um, konnte aber niemanden – keinen einzigen Menschen – sehen.

Ringsherum hunderte Meter Wald, Wiesen, Wege, Wasser, frische Luft …

über mir ein verhangener Novemberhimmel – und auf diesen Schildern warnte man die Menschen dieser Tage, Wochen, Monate, Jahre vor dem Tod.

 

In diesen Minuten musste ich an den Text „Der Tod kommt in die Stadt“ denken, den ich einige Tage zuvor auf dem Telegram-Kanal des Philosophen Gunnar Kaiser gelesen hatte.

Der Text – und auch andere Zeilen des Philosophen – hatten mich so beeindruckt, ja erschüttert, dass ich beschloss, endlich auch selbst zu schreiben.

 

Hatte ich mir doch schon seit Jahren vorgenommen, Geschichten aus der Kinder- und Jugendzeit aufzuschreiben. Auch an Gedichte wollte ich mich endlich heranwagen. Der Augenblick meiner Sichtung der „Todeswarnungsplakate“ brachte mich jedoch zunächst auf den Gedanken, eine surreale Geschichte zu schreiben.

 

Sie, diese Geschichte, kam mir ganz plötzlich in den Kopf:

die Geschichte der „Kinder von Utopanien“.

Plötzlich erschien es mir, als wäre ich selbst Teil der Geschichte, und ich konnte die Handlung in meinem inneren Auge fast bildhaft verfolgen.

 

Zwei Stunden später, auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzend, habe ich sie ohne Pause sofort aufgeschrieben.

Wie immer beim Schreiben sah ich dann den Text mehrfach durch, änderte, korrigierte, erweiterte …

aber eigentlich war damit an einem Tag der erste umfassende Text verfasst, und ich beschloss: zu schreiben.

Schreiben als Therapie gegen Verdummung, Angst und politische Willkür.

Schreiben als Gehirntraining.

 

Das tue ich seit diesem Tag fast täglich.