Texte - 2020 - 2021 - Resume (aus 300)

Seit dem 5.11.2020 

 

sind aus meiner Hand (nie hätte ich gedacht, dass ich so etwas jemals zustande bringen könnte) ...

folgende Dinge entstanden, die mit meiner bisherigen gestalterischen Tätigkeit kaum oder nur im Ansatz zu tun hatten:

 

- Eine Handreichung (Arbeitshandbuch) zur Technik der Modernen Lithografie im 21.Jahrhundert

 

- Vier Foto-Bücher zu den 4 Jahreszeiten (Naturfotografie)

 

- Mehr als 250 Texte zum "Pandemischen Wahnsinn" ( hier auf der Website bis Ende 2021 als Kolumnen, Text-Rubriken 1-9

 

- 42 Gedichte zum "Pandemischen Irrsinn" unter dem Titel: "E bissel meschugge", inklusive Illustrationen

 

- Neue Kataloge zum Bildnerischen Werk (Lithografie)

 

- Ein Bild-Text-Zeichenbuch für "Mutige"

 

- Ein Buch über die Kindheit auf dem Dorfe unter dem Titel:

"Ich war mal auf dem Dorfe", Als wir Kinder waren in der kleinen DDR

50 Texte, 50 Illustrationen

Nachfolgend möchte ich einige Texte, die eher als Geschichten zu verstehen sind und die in dieser Zeit von November 20 bis November 21 entstanden sind, hier noch einmal vorstellen.

 

Der erste Text vom 5.11.2021

Die Kinder der Utopanier

 

oder:

 

"das ist doch alles nur erfunden".

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Wolfgang Schieweck ( 5.11.2020 )

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Ob das, was ich hier erzählen werde, die Wahrheit ist oder ob mir meine Phantasie einen Streich gespielt hat, das kann ich nicht genau sagen.

Die Erzählung war plötzlich ...ich ging an der frischen Luft bei strahlendem Sonnenschein spazieren ... in meinem Kopf und ich hatte das Gefühl, dass ich irgendwann davon gelesen hatte. 

Oder sie war mir vor ganz langer Zeit erzählt worden. 

Vielleicht habe ich alles auch nur geträumt.

Eines weiß ich aber sicher, es hat sich so zugetragen und es wird immer wieder passieren. Und warum? 

Ja, weil wir Menschen uns immer wieder vom Verstand, von unseren natürlichen Instinkten verabschieden und äußere Mächte in der Lage sind, uns auf geschickte, kaum merkliche, aber doch radikale Art und  Weise zu manipulieren. 

Und das mit schrecklichen Folgen für unser Zusammenleben.

 

Nun, ich will die Geschichte erzählen und dann kann der interessierte Leser selbst entscheiden, wie er das Erfahrene für sich interpretiert und seine eigenen Gedanken machen.

 

Vor langer Zeit ... sicher vor mehreren hundert Jahren ...

es gibt nur wenige bruchstückhafte mündliche Überlieferungen ...

da gab es  mitten in friedlicher Situation, wobei es sicher auch Probleme im Alltag der im Mittelpunkt der Geschichte stehenden Menschen gab, ein Ereignis, das in rasender Geschwindigkeit das normale Zusammenleben, das Denken, Fühlen und Handeln dieser Menschen so aus dem Gleichgewicht brachte. Auch die Herrschenden dieser Gesellschaft betonten in ihren Ansprachen immer wieder, dass in Zukunft das Leben anders sein und der vergangene normale Alltag nie wieder zurück kommen werde.

Die oberste Tonangeberin dieser Anführer der Gemeinschaft, man nannte sie fast kindlich naiv Tantchen, beschwor fast täglich über ihre Boten, dass wir jetzt alle zusammen stehen müssen, auf gewohnte Freiheiten verzichten werden, solidarisch sein sollten und dass wir dann  auch gemeinsam eine Lösung finden werden.

Weil sie so beliebt war und weil alle ihre Mitstreiter keine Alternative zu ihr fanden, wurde sie immer wieder gewählt und sie gab auch allen Menschen zu verstehen, dass es zu den von ihr verkündeten Maßnahmen keine Alternative gäbe.

Sie war schließlich so beliebt, dass allen Menschen, die ihr vertrauten,  die Tränen in die Augen schossen, wenn Tantchen mal wieder feststellen musste, dass einige böse Menschen nicht bereit seien, sich an die neuen Regeln zu halten.

Diese Außenseiter wurden dann sofort auch ohne Zweifel von fast allen Menschen, die sich als die Guten bezeichneten, als Idioten und Feinde der Gemeinschaft aus dieser ausgeschlossen.

Manche dieser Geächteten lebten lange in Isolation, bevor sie starben. Andere versuchten ihr Glück im Ausland und erlebten ähnliche Diffamierung und Ausgrenzung.

Man erzählte sich auch, dass einige Verstoßene von wütenden "Guten" gehetzt und totgeschlagen wurden.

 

Was war geschehen?

 

Eines Tages, mitten im scheinbaren gesellschaftlichen Frieden, nach langer Zeit eines fürchterlichen Krieges und  dem mühsamen Aufbau einer freiheitlichen Gesellschaft, da geschah es, dass Vögel vom Himmel fielen, Schweine Grippe bekamen. Enten und Hühner starben an einer Art Pest und in der Folge stellten einige Ärzte fest, dass auch Krankheiten, die bisher immer schon die Menschen befallen hatten, so schlimm mutiert seien, dass Menschen ab sofort daran in großer Zahl sterben werden. Schlimmste Berechnungen ergaben Millionen Tote in wenigen Monaten.

Jeden Tag hörten, über die Boten von Tantchen verbreitet, die Menschen von tausenden Opfern und die Notwendigkeit, ab sofort zu Hause zu bleiben.

Die Menschen versorgten sich mit Reserven, schlossen sich ein, vernagelten die Türen und Fenster und hofften so, dem nahenden Tod zu entgehen.

Kinder wurden in gesonderten Räumen untergebracht und ihnen wurde gesagt, dass sie eine besondere Gefahr für die Älteren seien. Die Kinder fügten sich, denn sie wollten nicht für den Tod ihrer Eltern und Großeltern verantwortlich sein.

In ihren abgesonderten Räumen versorgten sie sich selbst, spielten, lernten und lebten ihre Fantasie aus, so weit es in dieser Isolation möglich war.

Viele Tage, Wochen, Monate, Jahre lebten die Menschen schon streng isoliert voneinander und durch die kleinen Lichtspalten sahen und hörten die Kinder wie es draußen regnete, der Wind mit den Wolken spielte, die Vögel wieder sangen, Hunde bellten, Schweine quiekten, Wölfe heulten, Ziegen meckerten, Enten schnatterten.

Die Natur lebte. Alles Böse schien überwunden.

Wenn mal wieder ein Erwachsener bei ihnen erschien und Lebensmittel brachte, dann baten die Kinder darum, endlich wieder ins Freie zu dürfen.

Sie hatten ja ein Gespür für das Befreiende, das sich da draußen abspielte.

Aber sie wurden ermahnt sich zu gedulden und ihnen wurde gesagt, dass der Tod jeden dahin raffen würde, der sich ins Freie wagt und sich den Anweisungen widersetzt.

In Wirklichkeit war es aber so, dass die älteren Menschen in der Isolation erkrankten und ganz schnell starben. Den Kindern sagte man nichts davon.

Als schließlich nur noch einige wenige der älteren Menschen am Leben waren und von den Kindern berichtet wurde, dass von ihnen keiner erkrankt sei, wollten sich die Alten von den Kindern verabschieden.

Ein noch beweglicher Greis wurde zu den Kindern geschickt.

Als er zurück kam, konnte er den beiden letzten alten Menschen nur mitteilen, dass die Kinder verschwunden seien.

Wenige Tage später waren auch die letzten Erwachsenen tot.

Die fehlende Luft, die Dunkelheit, der Bewegungsmangel hatte Krankheiten beschleunigt, Trübsinn und die Angst hatten sie dahin gerafft.

Die Kinder, die sich einen unterirdischen Gang gegraben hatten, waren ins Freie geflüchtet.

Ihnen war klar, dass sie die Erwachsenen nicht belasten wollten und in ihrem kindlichen Mut war der Entschluss gefasst worden, ein neues Leben zu beginnen.

So hatten also die Kinder den Ort des Geschehens für immer zu verlassen

 

Die Älteren von ihnen übernahmen die Aufgabe, die Jüngeren zu beschützen, sie lehrten ihnen Dinge, die sie von ihren Eltern und in der Schule gelernt hatten. Gemeinsam bauten sie Unterkünfte, bestellten die Felder und züchteten Tiere, lernten vom Leben für das Leben. Es war ein einfaches, fast urzeitlich anmutendes Leben, aber sie entwickelten eine kindliche Art und Weise naiver Demokratie, die es ihnen erlaubte zu überleben und sich weiter zu entwickeln.

Aus den Kindern wurden Erwachsene, die Erwachsenen und ihre Kinder wurden Familien. Aus dem ersten Dorf wurden viele und eine große Stadt entstand.

Wieder waren hunderte Jahre vergangen und  von seltenen Besuchern des Staatswesens wurde sie als das moderne Utopanien bezeichnet.

Die Alten dieses Anwesens erzählten den Reisenden, dass diese Stadt einstmals von Nachkommen halbwüchsiger Kinder gebaut worden sei.

Das sei aber so lange her, dass sich niemand mehr genau erinnern kann.

Beschreibungen findet man in den Erzählungen von Abenteurern und Weltreisenden doch alle schriftlichen Quellen aus dieser und späterer Zeit sind lückenhaft und voller emotionaler literarischer Übertreibungen.

Dann wurden die Berichte vergessen, kaum jemand hatte sich nochmals dorthin begeben und was aus der Stadt geworden war, das lag im Dunklen.

Eine Suche nach dieser Stadt blieb lange Zeit ohne Erfolg, da man auch gar nicht wusste, in welchem Teil der Erde man suchen sollte.

Bis wieder hunderte Jahre später auf einer kleinen Insel im Mittelländischen Meer ein Anwesen entdeckt wurde, das bei Ausgrabung den Forschern Ruinen offenbarte, die auf eine entwickelte Kultur verwiesen. Es hatte Theater, Sportstätten, Museen, Universitäten, Schulen und hochentwickelte Versorgungssysteme für Wasser und Wärme gegeben.

Schriftliche Überlieferungen fand man leider keine. Dieses Anwesen hatte schätzungsweise mindestens 200 Jahre unter Erde, Sand und Pflanzenwuchs gelegen und die Natur hatte sich ihren Lebensraum zurück erobert. Alle Ausgrabungen förderten nur steinerne Reste zutage. 

Diese Stadt, die man entdeckt hatte, war die Stadt der Nachfahren der geflüchteten Kinder. Die Bevölkerung war aus unerklärlichen Gründen ausgestorben. Fast nichts war noch erhalten.

Eine besonders schreckliche und rätselhafte Entdeckung machten die Forscher jedoch. 

In einer Art Bunkersystem mit vielen Räumen, das wahrscheinlich für ein isoliertes Wohnen eingerichtet worden war, fanden die Forscher Überreste von erwachsenen Menschen. Zehntausende Knochen lagen hier säuberlich geordnet und isoliert voneinander.

Alles deutete auf rigorose Quarantänemaßnahmen.

 

In einem der isolierten Räume, der sogar kleine Öffnungen besaß, fanden die Forscher Spielzeug aus Naturmaterial, was die lange Zeit überdauert hatte.

Waren also auch Kinder in diesen Bunkern?

Ein Phänomen konnten die Forscher jedoch bis heute nicht enträtseln....

es fanden sich keine Knochenreste von Kindern.

Was war mit ihnen geschehen?

Einige Wochen später - Die Fortsetzung

Die mutigen Leute von Utaponien

(12.1.2021)

 

Es war einmal…

...aber eigentlich ist es noch garnicht so lange her, so...grob gerechnet 200 Jahre, da hatten die Menschen von Utaponien ihre Sprache, ihre Muttersprache als das entdeckt, was sie bei vielen Völkern der Welt ist, ein kulturelles

Verbindungselement, eine ideelle Heimat für gemeinsame Gedanken, Träume, Erinnerungen.

Märchen- und  Geschichtenerzähler sammelten Texte, schrieben neue Erzählungen und emsige Verleger bemühten sich, diese Bücher mit 

Bildern von Zeichnern und Malern zu schmücken und herauszugeben.

Da immer mehr Menschen wenigstens einige Jahre in die Schule gehen durften, lernten sie das Lesen und Schreiben und so waren sie in der

Lage, selbst diese Bücher zu lesen und anderen vorzulesen. Viele der Menschen begannen auch zu schreiben und so wurde die Zahl der

Bücher immer größer. Wer sich Bücher nicht leisten konnte, oder einfach nur lesen und das Buch nicht besitzen wollte, der konnte in sie

Bibliotheken ausleihen.

Viele Texte wurden in andere Sprachen übersetzt, in Theatern spielten Schauspieler die Stücke und sprachen diese Texte. In Museen und Ausstellungen konnten 

Bilder, Zeichnungen und Plastiken betrachtet werden, die Künstler geschaffen hatten. Und die meisten Werke waren entstanden, weil sich die Künstler

mit Literatur, Philosophie und Geschichte auseinandergesetzt hatten und Ideen, bildgewordene Gedanken anderen Menschen mitteilen wollten.

Das spielte sich auch in Schulen, Kindergärten, Kinos, kleinen Bühnen, Kabarett-Theatern und Kulturkneipen ab.

Sprach- und Bildkultur, Bewegungs- ,Schauspiel- und Tanzkultur eingeschlossen.

 

Das Volk der Utaponier bezeichnete sich selbst oft auch als das Land der Dichter und Denker, war stolz auf seine Kultur und viele Menschen anderer 

Länder besuchten die Utaponier, um an diesem Kulturgenuss teilzuhaben. Auch die Utaponier hatte immer mehr das Gefühl, dass auch andere 

Völker Kultur besaßen und reisten in diese anderen Länder, um ihren kulturellen Horizont zu erweitern.

Dann kam etwas auf die Menschen zu, was diese geistigen und kulturellen Errungenschaften, dieses Weltbild, das freie Denken und Gestalten so ins

Wanken brachte, dass manche Menschen nach einigen Monaten vor dem Untergang der zwischenmenschlichen Kommunikationskultur warnten.

 

Was war geschehen?

 

Eine böse Krankheit hatte die ganze Welt und auch die Utaponier überfallen. In Zeitungen, Radios, Fernsehapparaten und elektronischen 

Internetnachrichten hörten sie jeden Tag von Millionen Toten, der immer schlimmer werdenden Gefahr und von der Verpflichtung, sich sofort nicht mehr ins 

Freie zu bewegen.

Museen, Theater, Kleinkunstbühnen, Konzerthäuser, Musikschulen, Sportstätten, Opernhäuser, Schulen, Universitäten  und Kindergärten wurden geschlossen.

Wer sich dennoch nach draußen bewegen wollte, war verpflichtet, eine Maske zu tragen. Kontaktverbote zwischen Menschen wurden festgelegt. Singen und miteinander Sprechen galt als gefährlich und eine Großzahl der Menschen verstummte.

Da die Krankheit nicht über die Ohren und die Augen verbreitet wurde (so sagte man), gab es die Verpflichtung, sich täglich über die neuesten Zahlen der tödlichen 

Krankheit zu informieren.

Reisen war verboten, Hinausgehen nur mit triftigen beruflichen Gründen. Nur noch Lebensmittel einkaufen durften die Menschen. Die Regierung verkündete, dass genug

Lebensmittel-Ware für Jahre vorhanden sei, so dass niemand mehr das Haus verlassen müsse.

Über ein Jahr verging. 

Viele Menschen waren in Einsamkeit gestorben. Zu Geburtstagen, Ostern, Weihnachten und anderen Feiertagen, selbst zu Hochzeiten und Begräbnissen besuchten sich die Menschen aus Angst nicht mehr. Zwischenmenschliche Kommunikation wurde unterwürfiges angstvolles Schweigen.

In den Einrichtungen von Kultur und Kunst begann die Natur auszubreiten, Moos und Pflanzen, Insekten und anderes Getier lebte jetzt dort. 

Das Gleiche betraf Sportplätze, Schulen, Fitnesscenter, Gaststätten, Hotels, Ferienwohnungen. Kinderspielplätze überwucherte Gras und

Gestrüpp….und…

die Menschen wurden von Robotern, die Essen transportierten, in den Wohnungen, in denen sie sich eingeschlossen hatten, versorgt.

An den Armen trugen alle Armbänder, die die persönlichen Gesundheits- und Bewegungsdaten an zentrale Kontrollcomputer weiterleiteten.

 

Eines Tages geschah etwas, das schon sehr merkwürdig war.

Ältere Menschen, die das Lesen noch irgendwann gelernt hatten, fanden im Hausrat alte Bücher. Sie begannen, den Kindern und sich selbst untereinander aus diesen

Büchern vorzulesen. 

Einige erprobten sich im Schreiben und es gab Familien, in denen mutig wieder gesungen, sogar Musik und Theater gespielt wurde, wenn auch laienhaft.

Über die sozialen Internet-Medien tauschten sich die ersten Familien darüber aus, was sie für sich neu erfunden und wiederentdeckt hatten: 

„Zwischenmenschliche- verbale-und körperliche Kommunikation und Interaktion“.

Diese Nachrichten verbreiteten sich schnell, viele Menschen fassten Mut zu ähnlichen Aktionen und sie merkten, dass sie noch nicht alle gestorben sind, wie die 

Regierung jeden Tag mitteilte. Die "exponentielle" Steigerung der Todesfälle hätte ja auch nach einfacher Rechnung schon längst die totale Auslöschung der Utaponier bedeutet. Dem war aber nicht so.

Die Menschen waren ausschließlich in ihrer Isolation und Angst gefangen.

 

Eines Tages fassten einige den Mut zu einem Aufruf in einem noch funktionierenden sozialen Netzwerk.

Dieser Aufruf beinhaltete folgende Idee.

 

An einem festgelegten Tag sollten alle Menschen die Türen und Fenster öffnen. Sich nach draußen bewegen und die Masken wegwerfen.

Dann sollten alle Besitzer von kleinen Läden, Gaststätten, Hotels, Sportstudios, Kinos, Theatern und Kulturtreffpunkten, die Galerien und Museen einfach wieder öffnen

und zu arbeiten beginnen.

Es sollte einfach mal getestet werden, was passiert, wenn Menschen in eigener Verantwortung das öffentliche Leben wieder in Gang setzen, auch wenn das aufgrund fehlender Mittel und Materialien sehr schwer werden sollte. Das wichtigste „Material“, der Mensch, war aber bereit, es zu versuchen

 

Gesagt … getan. Der Aufruf war verkündet und der Tag rückte heran.

Natürlich gab es viele Menschen, die sich vor der Polizei, der Armee und den Ordnungsämtern fürchteten. Aber ihnen wurde Mut zugesprochen und die 

Hilfe der Gemeinschaft, echte Solidarität zwischen Gleichgesinnten.

 

Es geschah etwas Sonderbares.

Kein Vertreter des Ordnungsamtes, kein Polizist oder Soldat hielt die Menschen auf. 

In den Ämtern und Verwaltungen saß niemand und das mit Sicherheit schon lange nicht mehr, denn Staub und Pflanzenwuchs dokumentierten, dass diese

Institutionen schon lange nicht mehr besetzt waren.

Ein ähnliches Bild zeigte sich bezüglich der Regierung.

Da war niemand mehr anzutreffen.

Alle geflohen, gestorben, untergetaucht? 

Es gab keine Hinweise.

 

Durch wen wurden aber die aktuellen Restriktionen, die Anweisungen, die Nachrichten verbreitet?

Die Antwort war schnell gefunden. 

Ein Computer des Innenministeriums hatte in programmierter Langzeitaktivität den Lockdown aufrechterhalten.

Schnell war auch herausgefunden: das Programm sollte bis zum 30.Mai des Jahres 2023 automatisch laufen und sich dann selbständig löschen.

Und dann ein Text in Form eines Dialoges

September 2021

„Wie auf dem alten Foto ...“ 

(Ein Gespräch in einer Zeit, die vor uns liegt) 

„Du ... Papa“, sagt der Sohn, „ich habe im alten Fotoalbum viele Bilder von Menschen gefunden. Ich weiß, das ist lange her und diese Menschen sind schon alle tot, aber ... irgendwie sehen die alle so komisch aus." 

"Wieso", fragt der Vater, "was meinst du mit ... komisch?"
"Na, die haben so lange Gesichter und man sieht ihre Nasen und Münder“, entgegnet der Junge. 

"Ja", sagt der Papa, "das ist lange her. Damals waren alle Menschen deswegen ständig krank. Sie trugen keine Masken und sie gingen auch ansonsten sehr sorglos mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit um." 

"Wie meinst du das ... Papa?“, fragt das Kind. 

"Na, sie waren immer kränklich, weil sie keinen Abstand einhielten, ständig miteinander redeten, lachten, sangen und in andere Länder fuhren, um Urlaub zu machen“, antwortet ihm der Vater. Und dann spricht er weiter: „Und das Schlimmste war, dass sie sich umarmten, anfassten ...na und so weiter“. 

"Papa, was meinst du mit: Und-so-weiter?“, fragt der Sohn mit großen Augen. 

Der Vater murmelt vor sich hin: “Mein Sohn, das verstehst du noch nicht. Das erzähle ich dir später, wenn du größer bist.“ 

Der Junge schluckt die Antwort hinunter und fragt: “Papa, sind die Menschen auf den Bildern deswegen schon alle tot?" 

Der Vater überlegt und dann versucht er zu erklären, was er eigentlich selbst noch nicht begriffen hat.
"Lieber Sohn", sagt er, "ich weiß es nicht genau. Aber die meisten Menschen sind so ungefähr 80 bis 85 und manche sogar mehr als 90 Jahre alt geworden. 

Aber damals gab es auch böse Krankheiten wie Diabetes, Krebs, Leber- und Lungenkrankheiten, Herzprobleme und Krankheiten wegen des viel zu üppigen Essens.
Deswegen starben manche Menschen auch schon früher.“ 

"Ich weiß", ergänzt der Sohn, "und dann kam das Virus. Das tödliche Virus hätte fast alle Menschen auf der ganzen Welt umgebracht, wenn nicht die gute Regierung von Angalena Merkelbock so hart durchgegriffen hätte.
Das haben die Lehrer in der Schule uns schon erklärt. 

Es ist ein Glück, dass wir immer die festen Masken haben und auch in jedem Jahr zwei Spritzen bekommen." 

"Ja, so war das", brummt der Papa in seinen, von der festen Maske verdeckten Bart, der schon an allen Seiten aus der Maske hervor lugte. Aber der Papa hat keine Lust auf Ansteckung und so verzichtet er so lange wie möglich auf das Absetzen der Maske. 

"Papa, sag mal“, fragt der Junge neugierig, „wie alt werden die Menschen jetzt in der neuen, guten Zeit?“ 

Und der Vater stockt wieder mit seiner Antwort. Dann sagt er zum Sohn, dass er das gar nicht so genau weiß.
Und er fügt hinzu, dass viele der Menschen, die er kenne und die vor kurzer Zeit gestorben seien, erst 40 oder 50 Jahre alt waren. 

Niemand weiß so genau, was die Ursache ist. 

Vielleicht sei das Virus so schlimm mutiert, so dass die Masken und die Spritzen schon nicht mehr helfen. 

Der kleine Sohn blättert weiter im Album und entdeckt ein Bild, das eine Frau mit einem kleinen Kind zeigt. Und er fragt: "Papa, weißt du wer das war?" 

Der Vater schaut sich das Bild an, liest die Jahreszahl und überlegt kurz.
Dann sagt er, "Ja, ich weiß, wer das war. Das war deine Urgroßmutter mit deinem Opa.
Sie hat ihn auf ihrem Schoß und dein Opa war damals gerade 2 Jahre alt. Ich glaube, das war das sogar zu seinem Geburtstag und ...na ja, er war sowieso Urgroßmutters Liebling. Sie nannte ihn immer `Sonnenschein`, so wie ich dich nenne.“ 

Der kleine Junge staunt, schaut lange und still auf das Bild und sagt kein Wort. Dann fragt er seinen Vater ganz leise, warum die Urgroßmutter mit ihrem Kopf so nahe am Kopf des kleinen Kindes gewesen war. 

"Na ich denke", sagt der Vater, "sie wollte gerade den kleinen Jungen küssen." 

"Was ist denn das: Küssen?“, wundert sich der Junge. 

Nun verschlägt es dem Vater erneut die Sprache. Er denkt nach, grübelt, sucht nach Worten und sagt schließlich: "Mein Sohn, das war eine ganz unhygienische Angewohnheit der Menschen, die damals lebten." 

Und der Sohn entgegnet: „Wieso, was meinst du damit ?“ 

Der Papa erklärt ihm, dass sich die Menschen mit dem Mund berührt haben, wenn sie sich lieb hatten und dass sie dadurch immer Bakterien und schlimme Krankheiten vom Mund zu Mund übertragen haben. 

"Da sind sie bestimmt sofort gestorben", flüstert der Junge, nun ganz leise und ihm geht ein kalter Schauer durch den Körper.
Beide schweigen und es ist ganz still im Zimmer. 

Der Papa überlegt lange und dann sagt er: “Ich denke ... nein. Gestorben ist nicht gleich jeder Mensch und ......ja, eigentlich auch nicht nach längerer Zeit. Denn die Urgroßmutter ist 95 Jahre alt geworden und dein Opa wird bald 70." 

"Na, da war das vielleicht gar nicht so gefährlich mit dem Küssen", sagt der Junge und der Papa schaut verwirrt auf seinen Jungen. 

Beide schweigen eine Weile. Dann sagt der Junge mit stockender Stimme und dennoch nicht mehr so leise wie vorher beim Betrachten der Bilder des alten Fotoalbums: 

"Papa!
Ich möchte dich auch mal küssen, so wie auf dem alten Foto!"